
Gastbeitrag von Saskia Juretzek: Vor dem Hintergrund der steigenden Relevanz unternehmerischer Nachhaltigkeit beschäftigt sich die Wissenschaft verstärkt mit der Frage: Welche Kompetenzen benötigen Entscheider, um Nachhaltigkeitsstrategien im Unternehmen erfolgreich umsetzen zu können?
Unternehmerische Nachhaltigkeit ist heutzutage ein nicht mehr wegzudenkendes Thema auf der Agenda fortschrittlicher Unternehmen. Unternehmen, die Nachhaltigkeitsstrategien erfolgreich umgesetzt haben – wie BMW, Unilever und DM – sind jedoch noch rar.
Die Umsetzung gestaltet sich in der Praxis schwierig, denn entgegen der weit verbreiteten Meinung treten bei der Integration ökologischer und sozialer Ziele in das Zielsystem und in die unternehmerische Wertschöpfung nicht nur Win-win Situationen auf. Durch widersprüchliche ökonomische Rationalitäten (Effizienz und Nachhaltigkeit) und Konflikten zwischen den Dimensionen nachhaltiger Entwicklung (sozial, ökologisch, ökonomisch) stoßen Entscheider bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien auf vielfältige dilemmatische Entscheidungssituationen. In dilemmatischen Entscheidungssituationen verhalten sich die gleichermaßen zu erreichenden Ziele widersprüchlich und stehen im Gegensatz zueinander. Sie lassen sich nicht gleichzeitig realisieren, es muss ein Verlust in mindestens einer Dimension hingenommen werden (Trade-off).
Dem Ausbau der Geschäftstätigkeit zur Erhöhung der Effizienz steht beispielsweise die Senkung des absoluten Ressourcenverbrauchs des Unternehmens entgegen und die Nutzung von teurerem Grünstrom steht der Senkung der Produktionskosten entgegen. Bei Konflikten innerhalb nachhaltiger Entwicklung kann beispielsweise der Platz für einen betrieblichen Kindergarten nicht mehr als ökologisch wertvolle Grünfläche genutzt werden und ein lokaler Einkauf zur Reduktion von CO2 Emissionen kann zu negativen ökonomischen und sozialen Konsequenzen in den produzierenden Entwicklungsländern führen.
Diese Dilemmata werden häufig ignoriert und verdrängt, da sich Menschen unwohl fühlen wenn sie auf widersprüchliche Sachverhalte stoßen. Um Nachhaltigkeit langfristig umsetzen zu können, müssen dilemmatische Entscheidungssituationen jedoch bewältigt und die widersprüchlichen Ziele, die sich gegenseitig ausschließen (langfristig) erreicht werden. Um Dilemmata zu akzeptieren und erfolgreich zu bewältigen, sowie resultierende Trade-offs im Unternehmen zu legitimieren sind nach Georg Müller-Christ, Professor für nachhaltiges Management an der Universität Bremen, vielfältige persönliche Kompetenzen der Entscheider relevant.
Entscheider müssen in der Lage sein, widersprüchliche Problemdefinitionen zuzulassen, Informationsverarbeitungsprozesse mit widersprüchlichen Informationen zu gestalten sowie Nicht-Erreichbares (Trade-offs) akzeptieren und legitimieren zu können. Zudem müssen sie die Formen der Bewältigung von Dilemmata kennen und die Entscheidungs- und Legitimationsprozesse strukturieren und steuern können. Diese Kompetenzen können im Konstrukt der Dilemmakompetenz zusammengefasst werden.
Durch Dilemmakompetenz könnten Entscheider also bessere, nachhaltigere Entscheidungen treffen und damit Nachhaltigkeitsstrategien im Unternehmen erfolgreich umsetzen. Die mehr als 3 Millionen Unternehmen in Deutschland könnten damit einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Deutschlands leisten.
Quellen:
Bücher
de Haan, G. et al.: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit: Grundlagen und schulpraktische Konsequenzen. Berlin, Heidelberg 2008.
Kahle, E.: Betriebliche Entscheidungen. Lehrbuch zur Einführung in die betriebswirtschaftliche Entscheidungstheorie. 2001.
Kopfmüller, J. et al.: Nachhaltige Entwicklung integrativ betrachtet. Konstitutive Elemente, Regeln, Indikatoren, Berlin 2001.
Müller-Christ, G.: Nachhaltiges Management, Einführung in Ressourcenorientierung und widersprüchliche Managementrationalitäten, Baden-Baden 2010.
Müller-Christ , G./ Arndt, L./Ehnert, I. (Hg.), Nachhaltigkeit und Widersprüche. Eine Managementperspektive. Hamburg 2007.
Wissenschaftliche Artikel
Hahn et al.: Trade-offs in Corporate Sustainability: You can’t have your cake and eat it, in: Business Strategy and the Environment, Vol. 19, 2010, S. 217-229.
Zur Autorin:
Die Autorin promoviert zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien an der Leuphana Universität Lüneburg. Bereits in Ihrer mehrjährigen Beratertätigkeit hat Sie sich mit unternehmerischer Nachhaltigkeit beschäftigt und im Folgenden mit der Promotion begonnen, um sich intensiver mit der Thematik auseinander zu setzen. Seit 2011 arbeitet Sie zudem als Corporate Responsibility Manager bei einem Telekommunikationsunternehmen (www.xing.com/profile/Saskia_Juretzek).













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